Geschichtswissenschaft & populäre Genealogie

Anlass für erneutes Nachdenken über das schwierige Nebeneinander von akademischer und Laien-Genealogie war der gerade gelesene Aufruf zu einer Tagung in Münster (16.3.-17.3.2018) mit dem Arbeitstitel „Populäre Genealogie, Geschichtswissenschaft und Historische Demographie“. Prof. Dr. Georg Fertig, Halle, lädt dazu mit einem für uns Familiengeschichtsforscher bedenkenswerten Papier ein. Es seien hier einige Kernsätze daraus angeführt:

  • Für die Historische Demographie ist die populäre Genealogie ein unverzichtbarer Partner; für die akademische Geschichtswissenschaft ist sie [aber] ein eher schwieriges und irritierendes Gegenüber.
  • […] Genealogie durch Wissenschaftler, zu denen die moderne populäre Freizeitgenealogie in Konkurrenz steht und denen sie technisch, in Quantität und Qualität der erfassten Daten oft weit überlegen ist.
  • Die Zusammenarbeit von Genealogie und Geschichte ist nicht auf wenige wissenschaftliche Fragestellungen […] beschränkt; sie hat Zukunft.

Zu dem irritierenden Gegenüber fallen dem Autor dieser Zeilen spontan ein: die unter Familienforschern unverhältnismäßig ausgiebig geführte Diskussion zu Deszendenzen von Karl dem Großen[1], die neuerdings zu beobachtende unkritische Suchmaschinengläubigkeit zumeist jüngerer Anfänger und die häufige Ermahnung untereinander zu wissenschaftlicher Genealogie, mit der jedoch meist wissenschaftliches Arbeiten mit ordentlicher Quellenarbeit und sauberem Zitieren gemeint ist.
Den so Diskutierenden ist dabei meist gar nicht bewusst, wie wenig sie von den Akademischen Grundwissenschaften in Sachen Genealogie erwarten können. So ist zum Beispiel die Genealogie im Fächerkanon der Historischen Grundwissenschaften an der Ludwig-Maximilian-Universität München / LMU zwar aufgeführt, spielt aber realiter keine Rolle[2]. Im Vorlesungs- und Seminarverzeichnis 2017 und 2018 kommt das Thema nicht vor.
Unter http://www.hgw.geschichte.uni-muenchen.de/ueber_uns/faecher/genealogie/index.html findet sich eine Beschreibung des Fachs in Form eines Abstracts, gefolgt von einer ausführlicheren Beschreibung aus der Feder von Stephan Janker. Letztere endet mit einem Hinweis auf die private Ahnenforschung mit einer abwertenden Aussage zu dieser Art von Forschung.- Hierzu hatte ich mich bereits 2013 in meinem Blog knapp geäußert[3].
Unterdessen kann ein rasantes Wachsen der Familien(geschichts)forschung / Ahnenforschung / Genealogie festgestellt werden, natürlich verbunden mit berechtigter Kritik an den Schludrigkeiten eines Massenphänomens aber auch mit beachtenswerten und ausgesprochen erfolgreichen (Mitmach-)Projekten auf den Feldern der Datenerfassung und Digitalisierung. Hier können als Beispiele das DatenErfassungsSystem / DES, die Friedhofsdatenbank und die Ortsfamilienbücher des CompGen stehen. Defizite bestehen allerdings in Veröffentlichung/Publikation.
Wie kann nun aus dem Nebeneinander von Populärer Genealogie (Begriff Georg Fertig) und Akademischer Geschichte ein Geben und Nehmen werden? Antworten findet der Autor in der Einladungsschrift / Call of Paper zur erwähnten Tagung, die hier herangezogen werden soll. Professor Fertig identifiziert drei große Bereiche im Zusammenspiel mit der Populargenealogie.

  1. Versuch, die Motive der Genealogen zu verstehen.
    Einsatz von Zeit, Geld und Technik ohne – höchstens seltene – Anerkennung durch die akademische Forschung.
  2. Praktiken und Ressourcen der Genealogie.
    Hier geht es um [Sammeln], Erfassen, Verknüpfen und Mitteilen. Hinsichtlich der derzeitigen Digitalisierungsaktivitäten gibt es eine Parallelität des Erfassens in Humanwissenschaften und Genealogie. Beim Verknüpfen, also dem Herstellen von Beziehungen unter Blutsverwandten hinterfragt Fertig das Fehlen von Beziehungen der Nachbarschaft, gemeinsamer Lebenswege von Schul- und Studienkollegen uam. Hinsichtlich des Mitteilens, des Kommunizierens, der Weitergabe von Ergebnissen sieht Fertig den Unterschied der in der Wissenschaft klar definierten Formen des Zitierens und Publizierens zu der weniger genormten Weitergabe bei den Genealogen und fragt, wie kann populäre Forschung ihre Zitierfähigkeit sichern? – Den Mangel an Publizieren beklagt der Autor seit Langem und appelliert zu mehr Mut zum Veröffentlichen auch teilfertiger Ergebnisse[4].
  3. Genealogie als Ressource für die Geschichtswissenschaft.
    Hier überrascht – aber ermutigt auch – der Satz des Wissenschaftlers: Genealogische Forschung […] als von Nichtwissenschaftlern für die Wissenschaft hergestellte „Ressource“ zu bezeichnen, und nicht selbst als Wissenschaft (oder „Hilfswissenschaft“), sei nicht ganz selbstverständlich. Anerkennung spricht aus der Aussage, die moderne populäre Freizeitgenealogie in Konkurrenz zur Wissenschaftsgenealogie sei technisch, in Quantität und Qualität der erfassten Daten oft weit überlegen. „Da vor allem die Computergenealogie nicht nur Daten verknüpft, sondern sie auch in großen Massen erfasst, erweitert sich das Spektrum möglicher Nutzungen dieser Daten.“

Für den Verein für Computergenealogie ist der letzte Satz des vorangegangenen Absatzes inzwischen anerkannte Praxis. Mehrere Projekte wurden durch Bürger schaffen Wissen (Citizen Science)[5] anerkannt. Das schafft berechtigtes Selbstbewusstsein.
Zuletzt bleibt aber die Frage, was Wissenschaft und Populäre Genealogie letztlich voneinander erwarten können. Das größte Hindernis wird wohl auf lange Zeit die unterschiedliche Ausdrucksfähigkeit bleiben. Dabei steht die Genealogie vor dem Problem, die dem Hobby Familienforschung zustrebenden wenig vorbereiteten Massen so zu bändigen, dass wenigstens einfache Standards und Regeln genealogischen Forschens erlernt und eingehalten werden. Hinsichtlich Quellenarbeit und Zitierens können für die letzten Jahre aber erhebliche Fortschritte festgestellt werden.
PT 19.12.2017


[1] Zuletzt wieder einmal im November 2017 in der Mailingliste des CompGen, der zentralen Kommunikationsplattform des größten deutschsprachigen Genealogischen Vereins.
[2] http://www.hgw.geschichte.uni-muenchen.de/ueber_uns/faecher/index.html
[3] http://teuthorn.net/feuilleton/?p=3571[4] Teuthorn, Peter: Genealogisches Publizieren, Norderstedt 2016.
[5] http://www.computus-druck.com/press/wp-content/uploads/2017/07/02_Pettibone.pdf

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