Die Leipziger Teuthorns nach den Adressbüchern

Vorgeschichte

Die Geschichte der Leipziger Teuthorns beginnt mit dem Zuzug des in Artern geborenen August Ludwig TEUTHORN (*31.7.1735 +Holland) und dessen Heirat mit Christiana Maria, Tochter des Leipziger Galanteriewarenhändlers THEUERJAHR, am 16.4.1765. Er war der Enkel des Frankenhäuser Ratskämmerers Christoph Thomas (30.1.1677 Frankenhausen – 5.4.1719 Artern). Zwei Söhne mit Kindern und Enkeln erleben in Leipzig das ereignisreiche 19. Jahrhundert, unter anderem  Völkerschlacht, Umwälzungen im Transportwesen durch die Eisenbahn, 48-Revolution, Fortschritte in der städtischen Hygiene,  Entwicklungsschub der Landwirtschaft durch neue Düngemethoden, soziale Spannungen durch industrielle Druckmethoden im Buchhandel, um nur die einschneidensten Einflüsse zu nennen, die verändernd auf die Lebensumstände der Leipziger einwirken.

Als ich 2006 mein schmales Büchlein ‚Die Leipziger Teuthorns’* herausbrachte, hatte ich viele Stunden mit Recherchen in Archiven, Pfarrämtern und auch mit den Filmrollen der Leipziger Adressbücher zugebracht. Es war damals nicht vorauszusehen, in welchem Umfang die Digitalisierung von Archivgut 15 Jahre später Recherche nicht nur leichter, sondern auch erfolgreicher gestalten würde, weil nun in kürzerer Zeit umfangreichere Ergebnisse gewonnen werden können.

Gerade wurden die Digitalisate der ‚Kartei Leipziger Familien‘ durch den Verein für Computergenealogie e.V. erschlossen, und die Adressbücher sind jetzt komfortabel durchsuchbar. Das Projekt zur Digitalisierung und Erschließung Sächsischer Adressbücher ermöglicht für Leipzig bequemes Recherchieren in allen Jahrgängen (1701-1949) ohne mühsam im Archiv einen Film abspulen zu müssen. Ab dem Jahr 1845 kann die jeweilige Seite für den gesuchten Namen direkt angesteuert werden.  Ich habe nun alle Jahre ab 1852 durchgesehen.

Neue Erkenntnisse zur Familie?

Die gefundenen Adressbucheinträge beginnen mit Carl Friedrich (5.1.1782 Leipzig – 29.11 1838 Artern). Seinerzeit war ich Filmrollen spulend – aus Aufwandsgründen immer einige überspringend – für das Jahr 1817 unter Kaufmannschaft auf den Eintrag gestoßen: ‚Teuthorn, Carl Friedrich, Kommisionen und Speditionsgeschäfte.‘ Aha!

Er hatte 1812 die Wittwe Christine Charlotte MEIßNER, geborene SCHILLING geheiratet. Für Charlottes ersten Mann gibt es im Adressbuch 1810 den Eintrag:  ‚Joh. Chr. Meisner, Brühl, [Wirtshaus] Goldene Kanne, Bey ihm sind auch Gelegenheiten nach Prag, Wien, Triest, Lüneburg, Hamburg, Lübeck, Schlesien und Lausitz zu finden.‘ Sofern Carl Friedrich nicht schon ein eigenes Speditionsunternehmen hatte, ist anzunehmen, dass er die Speditions-Aktivitäten Meißners übernahm. Spedition hieß 1817 noch Pferd und Wagen, wie die interessanten Postkutschenfahrpläne in derselben Ausgabe anschaulich bezeugen. Schon im Adressbuch von 1830 erscheint kein Teuthorn mehr. Möglicherweise hatte er mit seinen Geschäften kein Glück, verarmte, wie es eine Chronik andeutet, kehrte nach Artern zurück und starb dort.

Erst im Jahr 1852 fand ich in den Filmrollen wieder einen Teuthorn. Aber damit kann ich jetzt zu den nun verfügbaren Digitalisaten wechseln. Erstmals wird TEUTHORN 1852 als Fabrikbesitzer erwähnt und 1853 präzisiert als: Teuthorn, C.W. , Besitzer der Guanofabrik v. d. Gerberthor, Compt[oir] Nikolaistr. 39, Wohn. Gerberstr. 46.

Die Fäkalien werden mit Spezialwagen abgefahren. Durch Unterdruck im Tonnenwagen wird die Masse angesaugt und damit die Aborte geleert.

Johann Carl Wilhelm TEUTHORN (26.3.1814 – 11.9.1868) ist der älteste Sohn des Spediteurs. Er heiratet die 14 Jahre jüngere Tochter seiner Halbschwester Charlotte Henriette Hander, geborene Meißner. / Der Begriff Guano bezeichnet hier nicht den aus Chile importierten Dünger aus den Exkrementen der Seevögel, sondern ganz praktisch Dung, den Carl Wilhelm aus dem Abfahren der Abortinhalte aus Leipziger Haushalten gewann und per chemischer Behandlung und Trocknen zu sognannten Poudretten verarbeitete. Zu der Zeit exprimentierten mehrere Chemiker und Unternehmer mit verschiedenen Verfahren, die einerseits der städtischen Hygiene dienten und andererseits die seit Justus von Liebig (‚Was man dem Boden nimmt, muss man ihm wieder zuführen.‘) als wichtig erkannte (Mineral-)Düngung der Böden ermöglichten. In der Literatur wird das von Carl Wilhelm praktizierte Verfahren als Teuthornsches Verfahren bezeichnet. / Mit leicht wechselnden Adressangaben, die unter Umständen weitere Aufchlüsse ergäben, erscheint die Firmenangabe bis einschließlich 1868. Aber 1869 heißt es dann:

1869

„Teuthorn, Charl. Plne. [Charlotte Pauline] Kfms Wwe. Firma Guanofabrik zu Leipzig, Carl Teuthorn, Nikolaistr. 39, Fabrik und Wohn. Berliner Str. 8 pt.“

1985

Diese Eintragungen wiederholen sich im Wesentlichen unverändert die nächsten 16 Jahre, bis es 1885 heißt „C. Rob. Teuthorn, Procur. d. Firma Guanofabrik zu Leipzig , etc.“

Das Ehepaar Teuthorn-Hander hat zwei Söhne, den etwa um 1853 geborenen Robert, über den ich hier erfahre, dass er mit vollem Namen Carl Robert ist und den von den Lebensdaten besser bekannten Karl Georg Emmanuel (19.7.1858 Leipzig – 20.8.1913 Nauheim). Beide sind seit dem Tode des Vaters 1868 Halbwaisen. Nach Ausbildung und Studien erscheinen sie nun in den Adressbüchern mit ihren Berufen bzw. ausgeübten Tätigkeiten.

1889 ist Robert Versicherungs-Generalagent mit Wohnadresse Rosenthallgasse 11. Seit diesem Jahr wird die Guanofabrik nicht mehr erwähnt.

1885 wird zum ersten Mal Carl Teuthorn mit Wohnadresse Nicolaistr. 29  erwähnt.  Er wird mit dem 1891 erwähnten C. August Teuthorn , Buchhalter, Zeitzer Str. 43 , identisch sein. Seine Linie ist nur mit groben Daten bekannt. Ich gehe von folgender Abstammung aus. Carl Friedrichs älterer Bruder Johann Karl August (1770-1836) war Kaufmann in Pegau. Dessen Sohn Franz Julius (1817 Pegau – 1888 Grimma) hatte drei Töchter und den in Grimma 1860 geborenen Sohn Carl (1860 Grimma – um 1930 Leipzig). Es muss dieser Carl August sein, der hier zum ersten Mal in Leipzig erwähnt wird und noch 1905 als Prokurist in den Adressbucheinträgen erscheint. 1896 ist er Proc. der Maaßstab-Firma Paul OTTO, Körnerstraße 68.

1898 wird Carl Robert als K.S. [Königlich-Sächsischer] Oskonomie-Spezial-Kommissar** genannt. Er übt also ein Regierungsamt aus.
Er wohnt jetzt in Leipzigs nördlicher Vorstadt Eutritzsch, Delitzscher Str. 92, seine Mutter ebenfalls in Eutritzsch Am Markt 6. – In den nächsten Jahren bleiben die Angaben gleich. 1910 ist er Oekonomierat geworden. Seit 1914 fehlen Angaben. Tod?

1902 wird zum ersten Mal Carl Georg Immanuel als genannt. Er – jetzt 44 Jahre alt – ist Chemiker und wohnt bei seiner Mutter Am Markt. Aus dem seiner Dissetation beigefügtem Lebenslauf wissen wir, dass er an der Uni Leipzig Naturwissenschaften studierte, dann als Praktiker in der Zuckerindustrie arbeitete, nach einem Berufsunfall seit 1899 Invalide war und deshalb nochmals studierte und 1904 mit einer Arbeit über die sächsischen Gemeinteilungen zum Dr. Phil. promoviert wurde.

Er erscheint jetzt regelmäßig als Dr. Georg Teuthorn, ab 1909 mit dem Zusatz Chem. Fabrik und der Adresse Leutzsch, Feldstr. 5. Ein Jahr später hat er die Firma als Inhaber übernommen und gibt eine Telefonnummer an, 3841.  Um 1899 hatte er Agnes Kähne geheiratet und mit ihr eine Tochter, Martha.


In den Adressbüchern haben wir das Phänomen, Frauen nicht als Ehefrauen, aber als Witwen zu finden.


Als ab 1914 es in der Adressbuchzeile heißt: TEUTHORN, Agnes, geb. Kähne, Wwe, Dr. [ein bisserl österreichisch!] wissen wir, dass Carl Georg Immanuel gestorben ist. Sie bleibt mit wechselnden Wohnadressen, Rathausstraße, Turnerstraßs, Hauptstraße, erwähnt.
Unter derselben Adresse finden wir kurz danach Caroline, Frl. Clara und Elisabeth. Später nur noch die Tochter Martha. Als Inhaberinnen der Chem. Fabrik sind 1915 Ww. Agnes und Frl. Clara Teuthorn eingetragen, im Jahr 1918 Agnes und Frl. Martha Teuthorn.

Fortsetzung folgt mit Interpretation der Angaben zu

Carl August Teuthorn und Familie

Fußnoten / Anmerkungen

*) Das schmale Büchlein habe ich 2006 bei dem amerikanischen Online-Selfpublisher Lulu.com veröffentlicht, später aber dort zurückgezogen, um es mit neuen Erkenntnissen zu aktualisieren. Dazu kam es nicht, weil ich mich inzwischen in die Lebensgeschichte seines dritten Kindes und zweiten Sohnes Friedrich (Frederick) Phillip Bernhard vertieft hatte. Das Ergebnis erschien als
Teuthorn, Peter (2011): Der Forty-Eighter Friedrich Bernhard Teuthorn. Auswandern nach Amerika aus politischen Gründen. In: Zeitschrift für Mitteldeutsche Familiengeschichte (ZMFG) Jahrgang (Heft 2/2011), 85 – 108.

**) Regierungsamt, beauftragt mit den Auseinandersetzungen der Gutsherren mit ihren Bauern wegen der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse / Gemeinheitstheilungen und Grenzregulierungen (Interpretiert nach Krünitz)