{"id":5506,"date":"2017-09-01T13:18:42","date_gmt":"2017-09-01T11:18:42","guid":{"rendered":"http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/?page_id=5506"},"modified":"2018-06-03T13:48:21","modified_gmt":"2018-06-03T13:48:21","slug":"erinnerung-an-den-stettiner-fotografen-christian-bachmann-ehrung-in-messenthin","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/?page_id=5506","title":{"rendered":"Erinnerung an den Stettiner Fotografen  Christian Bachmann \/ Ehrung in Messenthin"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #993300;\"><em>(Endg\u00fcltige Druckversion im Stettiner B\u00fcrgerbrief 2017)<\/em><\/span><\/h3>\n<p>Seit dem 22. April 2016 ziert das Gel\u00e4nde des ehemaligen kleinen Messenthiner<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Friedhofs an der Klonowa-Stra\u00dfe nicht nur ein eindrucksvoller Granit-Gedenkstein<a href=\"#_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> f\u00fcr die hier bis 1945 beerdigten Einwohner, sondern etwas versetzt in Richtung Cisowa-Stra\u00dfe auch eine gro\u00dfe Informationstafel zu Leben und Wirken des Fotografen Christian Bachmann und seiner Bedeutung f\u00fcr Messenthin. Und es schlie\u00dft sich ein neues Stra\u00dfenschild mit seinem Namen an.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/schildent-arbeitsdatei.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6528\" title=\"schildent-arbeitsdatei\" src=\"http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/schildent-arbeitsdatei-233x350.jpg\" alt=\"\" width=\"233\" height=\"350\" \/><\/a>In einer eindrucksvollen Einweihungszeremonie wurde am Vormittag dieses Apriltages zun\u00e4chst der mit einer deutschen und einer polnischen Flagge bedeckte Findling durch den P\u00f6litzer B\u00fcrgermeister Wladyslaw Diakun und die im Vorkriegs-Messenthin geborene Kristin Maronn<a href=\"#_ftn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> feierlich enth\u00fcllt. Anschlie\u00dfend entfernten B\u00fcrgermeister und Bachmann-Urenkel Peter Teuthorn in einer weiteren Enth\u00fcllung dann gemeinsam die das Bachmann-Schild schm\u00fcckenden Banderolen in den deutschen und polnischen Landesfarben. Zuvor hatten Stadtverantwortliche und Priester beider Konfessionen das Ereignis in Reden gew\u00fcrdigt und der hier Ruhenden im Gebet gedacht<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>.<\/p>\n<p>Auch Teuthorn wurde um einige Worte gebeten, die er nutzte, seine Bewunderung f\u00fcr das ihn \u00fcberraschende gro\u00dfe Interesse der heutigen Einwohner an der Geschichte des Ortes auszudr\u00fccken und dies als sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr die heute m\u00f6gliche Verst\u00e4ndigung in Europa auszusprechen. Bei einem anschlie\u00dfenden Mittagessen bestand Gelegenheit zu vertiefenden Gespr\u00e4chen zur Geschichte Messenthins, zu ihrem fotografischen Chronisten und den heutigen Gegebenheiten.<\/p>\n<p>Christian Bachmann h\u00e4tte wohl kaum jemals gedacht, dass er ein Jahrhundert nach seiner Zeit f\u00fcr Messenthin eine solche Bedeutung haben w\u00fcrde. Er war ja schlie\u00dflich zu seinen Lebzeiten keine Ber\u00fchmtheit, sondern einfach ein erfolgreicher Gesch\u00e4ftsmann mit einer besonderen Liebe f\u00fcr den Ort. Die Erkl\u00e4rung liegt in seinen zeitgen\u00f6ssischen Fotografien, die den heutigen Bewohnern so wichtig sind, weil sie zeigen, wie es hier einmal war. Denn deren Eltern kamen ja durch Umsiedlung in ein f\u00fcr sie unbekanntes, nicht aber geschichtsloses Gebiet.<\/p>\n<p>Bachmann war bereits in jungen Jahren nach Stettin gezogen und von Beginn an als Fotograf t\u00e4tig. Er wurde zun\u00e4chst Teilhaber des Fotoateliers Moellendorf &amp; Bachmann, das er nach wenigen Jahren \u00fcbernahm. Seit 1888 war die Gesch\u00e4ftsadresse in der M\u00f6nchenstra\u00dfe 21-22, nahe am Dom. Der polnische Fotograf Richard Halabura hat zu den Stettiner Ateliers geforscht und diese mit einer sehr informativen und ansprechenden Internetpr\u00e4sentation gew\u00fcrdigt<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a>. Neben sch\u00f6nen Fotobeispielen hat er auch biographische Daten gesammelt.<\/p>\n<p>Christian Bachmann wurde am 6.7.1859 in G\u00f6ttingen als Sohn eines Tischlers und Restaurateurs geboren. Am 2.5.1885 heiratete er die Apothekertochter Anna Corvinus. Das Ehepaar hatte drei Kinder, die alle in Stettin und Messenthin aufwuchsen. Christians Beruf fiel in die fr\u00fche Bl\u00fctezeit der Fotografie. Hatten sich zuvor nur beg\u00fcterte Leute ein gemaltes Portr\u00e4t leisten k\u00f6nnen, so war das jetzt durch die Fotografie jedem m\u00f6glich. In den St\u00e4dten boomten die Ateliers. W\u00e4hrend Bachmann in Stettin sein Gesch\u00e4ft im Wesentlichen mit Familienfotos und Portr\u00e4ts machte, widmete er sich auf dem Lande in Messenthin und Umgebung der Landschaft, Natur und Ausflugszielen. Das kommerzielle Produkt waren Postkarten. Christian starb am 13. Februar 1938 und folgte damit seiner Frau, die nur wenige Wochen zuvor, am 12. Dezember 1937, von ihm gegangen war. Die Stettiner Wohnung der Familie war mit der Atelieradresse identisch. Vor allem in den Sommermonaten lebten die Bachmanns aber in ihrem Haus in Messenthin in der Waldstra\u00dfe. Dies ist auch die Sterbeadresse. &#8211; Da ich mich zu Christian Bachmann bereits recht ausf\u00fchrlich per Buch und Blog<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> ge\u00e4u\u00dfert habe, soll es mit den hier gegebenen biografischen Hinweisen sein Bewenden haben.<\/p>\n<p>Wenn auch die n\u00fcchternen biografischen Daten, also Geburt, Ehe und Tod, einer Person noch relativ einfach zusammenzustellen sind, so ist es doch ungleich schwieriger, nach den Zerst\u00f6rungen des Zweiten Weltkrieges die \u00d6rtlichkeit und damit das Lebensumfeld der Einwohner Messenthins zu rekonstruieren. Das gilt f\u00fcr den Heimatforscher oder Stadthistoriker wie f\u00fcr die Nachfahren des Christian Bachmann gleicherma\u00dfen. Gemeinsam kommt man jedoch schneller voran. Um die Zeit vor 1945 rekonstruieren zu k\u00f6nnen hat Ewa Berecka die Vorsitzende des Stadtbezirks Messenthin, wo immer es m\u00f6glich war, Fotoansichten vom Messenthin der Vorkriegszeit gesammelt und fand dabei besonders viele von Christian Bachmann. Eine gro\u00dfe Unterst\u00fctzung ist dabei Andrzej Kowalik. Unter dem K\u00fcrzel AK publiziert er seine Fundst\u00fccke und weitere Nachforschungen auf <a href=\"http:\/\/www.forum.police.info.pl\/\">http:\/\/www.forum.police.info.pl\/<\/a>. \u00dcber eine Suchfunktion kommt man schnell zu den Ergebnissen.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/messtischblatt-arbeitsdatei.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-6529\" title=\"messtischblatt-arbeitsdatei\" src=\"http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/messtischblatt-arbeitsdatei-1024x731.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"456\" \/><\/a><br \/>\nBachmanns Urenkel konnte neben \u00fcberlieferten Familienfotos vor allem aus den pers\u00f6nlich erinnerten Erz\u00e4hlungen seiner Gro\u00dfmutter Erica sch\u00f6pfen. Sie war das \u00e4lteste Kind des Ehepaars Bachmann-Corvinus. Wenn sp\u00e4ter bei Familientreffen die Rede auf Messenthin kam, verkl\u00e4rte sich ihr Gesichtsausdruck und ihre Stimme bekam einen tr\u00e4umerischen Klang. Messenthin f\u00fcllte die Bilderwelt ihrer Jugend und war dann, solange die Eltern lebten, regelm\u00e4\u00dfiger Familientreff und ein Leben lang ihr Begriff f\u00fcr Heimat. Von dieser Welt haben die Kriegszerst\u00f6rungen nicht viel \u00fcbriggelassen. Aber aus den historischen Fotos, der historischen topografischen Karte, den erinnerten Erz\u00e4hlungen und zuletzt der nun aktuellen eigenen Anschauung entsteht doch eine recht gute Ann\u00e4herung an das gesuchte Bild einer verlorenen Zeit. Es ist das Bild eines wald- und wasserreiches Paradieses, das Messenthin vor mehr als einem Jahrhundert f\u00fcr die Familie des Fotografen Bachmann war. Einiges davon hatte Tochter Erica in ihren fr\u00fchen \u00d6lgem\u00e4lden<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> eingefangen. Aber auch ein zwischen alten Fotos gefundenes Gelegenheitsgedicht kann davon eine Vorstellung geben. Es geht um einen Spaziergang mit einem Kind (wohl Tochter Erica) zur M\u00fcckenm\u00fchle und zur\u00fcck. Anhand der topografischen Karte l\u00e4sst sich rekonstruieren, dass es f\u00fcr den Weg durch Natur und Wald direkt vom Bachmann\u2018schen Haus in der Waldstra\u00dfe &#8211; heute Palmowa \u2013 durch den Stettiner Stadtforst zu dem kleinen Waldsee an der M\u00fcckenm\u00fchle hin und zur\u00fcck jeweils etwa f\u00fcnfzehn bis zwanzig Minuten brauchte. Man lebte hier also inmitten der Natur.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Spaziergang<br \/>\nnach der M\u00fcckenm\u00fchle<br \/>\n2. Oktober 1891<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Am azurblauen Himmelszelt<br \/>\nlacht Sonne heut so mild &#8211;<br \/>\nliegt doch auf stiller Herbstesflur<br \/>\nein farbenpr\u00e4chtig Bild! &#8211;<br \/>\n[&#8230;]<br \/>\nLeichtf\u00fc\u00dfig eilt das Kind hinaus<br \/>\nin Gottes sch\u00f6ne Welt,<br \/>\nein klares Auge voller Glanz<br \/>\nblickt \u00fcber Wald und Feld;<br \/>\n[&#8230;]<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Am Teich von Erlen gr\u00fcn ums\u00e4umt,<br \/>\nlangt\u2019s Kindchen munter an,<br \/>\nlenkt seinen Schritt zum luft\u2019gen Quell,<br \/>\nerfreuet sich daran,<br \/>\nrei\u00dft mich mit seinen H\u00e4ndchen fort<br \/>\nund plaudert manches helle Wort.<br \/>\nFroh kehrt es heim, der Eltern Lust,<br \/>\nrotwangig zart geschm\u00fcckt,<br \/>\nein Pilzchen schnell sein Aug\u2018 erschaut,<br \/>\nund bald ist es gepfl\u00fcckt.<br \/>\nDas D\u00f6rfchen winkt, nun scheiden wir,<br \/>\nerhole dich und gr\u00fc\u00df\u2018 von mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(K. Sonnenberg)<\/p>\n<p>Das bisher \u00fcbersehene Laien-Gedicht wird mit Jahreszahl, Ortserw\u00e4hnung und Landschaftsbeschreibung zusammen mit der topografischen Karte pl\u00f6tzlich zu einer wichtigen Quelle f\u00fcr eine Vorstellung von der landschaftlichen Idylle des Dorfes Messenthin an der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine der Nachfahrinnen Bachmanns erscheint es befriedigend, dass nun ein bis heute erhaltenes \u00d6lportr\u00e4t des Fotografen nicht nur ihr Haus im Odenwald schm\u00fcckt, sondern eine ordentliche Kopie davon in beeindruckender Weise die gro\u00dfe Informationstafel an der Klonowa-Stra\u00dfe pr\u00e4gt. Das Gem\u00e4lde kehrt damit sozusagen virtuell an den Ort seines Entstehens zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Peter Teuthorn<\/p>\n<address>Dieser Text erscheint gleichzeitig<br \/>\nim <a href=\"http:\/\/www.blog.pommerscher-greif.de\/christian-bachmann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blog des <\/a><em><a href=\"http:\/\/www.blog.pommerscher-greif.de\/christian-bachmann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pommerscher Greif<\/a> e.V. Verein f\u00fcr pommersche Familien- und Ortsgeschichte<\/em> und<br \/>\nim <em>Stettiner B\u00fcrgerbrief 2017<\/em>, ISSN 1619-6201, sowie<br \/>\nals PDF-Datei zum Download unter <a href=\"http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/BACHMANN-Ehrung_plusB_Aug22.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BACHMANN-Ehrung<\/a><\/address>\n<hr size=\"1\" \/>\n<address><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Messenthin = M\u015bci\u0119cino, P\u00f6litz = Police<\/address>\n<address><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> \u201eIn ehrendem Gedenken den Bewohnern von Messenthin und Police \/ die an dieser Stelle ruhen \/ B\u00fcrgermeister von Police \/ Rat des Stadtbezirks Nr. 1 Messenthin \/ Police &#8211; Messenthin 2016\u201c<\/address>\n<address><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Dr. Kristin Maronn ist eine leidenschaftliche Sammlerin historischer Ansichtskarten von Stettin und Umgebung und hat dazu mehrere B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht. Ihr Buch <em>Stettin-P\u00f6litz und Messenthin: Bilder, Dokumente, Chronik, Gedanken und Erinnerungen<\/em>, Kiel 2000, ist leider vergriffen, jedoch \u00fcber Bibliotheken zug\u00e4nglich.<\/address>\n<address><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> W\u00e4hrend die Grabsteine nach Police in das Lapidarium im Park hinter der Kirche gebracht wurden, blieben die Gebeine der Verstorbenen hier unter dem fr\u00fcheren Friedhof. Auch der Grabstein des Ehepaares Bachmann-Corvinus befindet sich im Lapidarium.<\/address>\n<address><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> http:\/\/www.zaklady-fotograficzne-stettin.com\/page390.html<\/address>\n<address><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Hinweise unter <a href=\"http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/?page_id=5477\">http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/?page_id=5477<\/a> oder teuthorn.net\/feuilleton und Navigation:<br \/>\nFamilie\/Familie Bachmann-Corvinus\/Messenthin &amp; Chr. Bachmann\/CBachmann-Event + Medien.<\/address>\n<address><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Beispiele und eine Kurzbiografie unter http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/?p=5295<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Endg\u00fcltige Druckversion im Stettiner B\u00fcrgerbrief 2017) Seit dem 22. 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