{"id":11129,"date":"2023-09-27T23:17:19","date_gmt":"2023-09-27T21:17:19","guid":{"rendered":"http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/?p=11129"},"modified":"2023-09-28T01:17:04","modified_gmt":"2023-09-27T23:17:04","slug":"reina-gilberta-ein-kind-im-ghetto-von-thessaloniki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/?p=11129","title":{"rendered":"R\u00e9ina Gilberta: Ein Kind im Ghetto von Thessalon\u00edki"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Buchautorin: Nina Nahmia<\/h5>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/customer-reviews\/R3EFHE1CZY23V2\/ref=cm_cr_srp_d_rvw_ttl?ie=UTF8&amp;ASIN=3940938467\">Wenn die Sprache versagt<\/a><\/h3>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/20230927_225916-891x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11135\" style=\"width:332px;height:auto\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um diesem wichtigen Buch gerecht zu werden, muss man es zweimal rezensieren, einmal als Sachbuch bzw. Dokument und einmal als Literatur. Als letztere f\u00e4llt es durch. Schon nach wenigen Seiten m\u00f6chte man es wegen seiner gezwungenen, ja schw\u00fclstigen und kitschigen Sprache zur Seite legen. F\u00fcr den deutschen Leser ist schwer zu entscheiden, aber letztlich auch egal, ob dieser Stil der Autorin oder ihrem griechisch-schweizerischen \u00dcbersetzer Argyris Sfountouris geschuldet ist. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;&#8230; das Schwanenwei\u00df ihres freien Halses spiegelte sich im seidenen Purpur und warf ein astrales Licht auf ihr Gesicht aus Elfenbein.&#8220; (S. 11). Das geht dann mit &#8222;lichterf\u00fclltem L\u00e4cheln&#8220; (S. 12), &#8222;liliengleichen Fingern&#8220;, &#8222;Augenstern&#8220; und &#8222;honigs\u00fc\u00dfen Vogellauten&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(S. 13) immer so weiter. Es bleibt unverst\u00e4ndlich, wie die S\u00fcdosteuropa-Korrespondentin der S\u00fcddeutschen Zeitung in ihrer sonst neugierig machenden Rezension daf\u00fcr den Satz fand: &#8222;Nina Nahmia hat f\u00fcr diese Familienskizze eine zarte, behutsame Sprache gefunden und A.S. hat sie in ein sch\u00f6nes Deutsch verwandelt.&#8220; Dass die Zitatstellen keine Ausrutscher sind, k\u00f6nnte leider mit vielen weiteren Beispielen belegt werden. U.a. ger\u00e4t bei der mit Hilfe eines Bauern gelingende Flucht aus dem Ghetto Thessalonikis die Beschreibung der als Verkleidung dienenden Bauerntracht zu einem Folklorebild, wie man es fr\u00fcher in billigen griechischen Urlaubsprospekten finden konnte. Dass man den Schrecken des Holocaust oder s\u00fcdamerikanische Folterkeller auch literarisch \u00fcberzeugend in Spache bringen kann, haben andere Autoren bewiesen. Ich denke u.a. an Saul Friedl\u00e4nder (Wenn die Erinnerung kommt.) oder Ariel Dorfmann (La Muerte y la Doncella \/ Der Tod und das M\u00e4dchen.)<br \/><br \/>Man k\u00f6nnte nun fragen, warum eine angemessene Sprache bei diesem Thema so wichtig sein soll. Die Antwort ist einfach: Damit auch schwer ertr\u00e4gliche Schilderungen von Grausamkeiten, die unsere Vorstellungskraft eigentlich \u00fcbersteigen, vom Leser nicht als \u00fcbertrieben oder gar unwahr abgetan werden k\u00f6nnen.<br \/><br \/>Der Leser, der sich durch solche H\u00fcrden nicht abschrecken l\u00e4sst, begegnet mit diesen Erinnerungen einer griechisch-j\u00fcdischen Familie vor dem erschreckenden Abgrund des Holocaust in Griechenland, der bisher noch wenig thematisiert wurde. Vor allem wegen dieser Einsichten lohnt sich die Lekt\u00fcre trotz ihrer literarischen Schw\u00e4chen. Bis hier meine Sprachkritik. Jedoch scheinen mir <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Inhalt und Ausage <\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">au\u00dferordentlich wichtig.  Jahrzehntelang war <strong><em>Kalavrita <\/em><\/strong>das Synonym f\u00fcr deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland. Erst sp\u00e4t gelangte <strong><em>Distimo <\/em><\/strong>in das Bewusstsein der deutschen \u00d6ffentlichkeit. Wenn auch die Massaker an der griechischen Dorfbev\u00f6lkerung und die Judendeportationen nach Auschwitz auf der Schreckensskala deutscher Kriegsverbrechen in Griechenland eine unterschiedliche Qualit\u00e4t haben, bleibt es zun\u00e4chst verwunderlich, dass das Schicksal der rund 45.000 vernichteten griechischen Juden, \u00fcberwiegend aus Thessaloniki, in der griechischen \u00d6ffentlichkeit keine vergleichbare Erregung wie die mit Vergeltung f\u00fcr Partisanen\u00fcberfalle begr\u00fcndeten Morde an der griechischen Zvilbev\u00f6lkerung hervorgerufen hat.<br \/><br \/>Nina Nahmias Buch ber\u00fchrt und entsetzt auch den mit aller Art von Brutalit\u00e4t und deren Darstellung vertrauten Leser. Am individuellen Schicksal der Dem\u00fctigung und Zerst\u00f6rung einer Familie aus Thessaloniki bewirkt der Blick in den Abgrund der Judenvernichtung ersch\u00fctternde Eindr\u00fccke, die sich viel st\u00e4rker und l\u00e4nger einpr\u00e4gen als die blo\u00dfen Horrorzahlen der Statistik.<br \/><br \/>Der Buchtitel verdeckt, dass die eigentliche Hauptfigur nicht das Kind Reina Gilberta, sondern ihre Mutter Edda ist. Ihr gelingt es, indem sie sich von der kleinen Reina trennt, ihr Kind zu retten. Sie selbst aber entgeht trotz zun\u00e4chst gelungener Flucht aus dem Ghetto nicht dem KZ-Schicksal. Die Autorin l\u00e4sst parallel zu dem Erz\u00e4hlstrang der Familiengeschichte einen historischen Strang laufen. In diesem wird die Geschichte der Juden Thessalonikis seit ihrer Vertreibung aus Spanien, fast 500 Jahre zuvor, bis zu den Leiden des Holocaust und ihrer Vernichtung dargestellt. Wer das so entstehende Bild vor allem um die von der aktuellen Holocaustforschung aufgezeigten politischen Dimensionen vervollst\u00e4ndigen m\u00f6chte, sei dringend auf den Griechenlandteil von G\u00f6tz Alys <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/lt-a-href-javascript-cref-CitaviPicker3100004205-lt-a-Hitlers-Volksstaat-Raub-Rassenkrieg-und-nationaler-Sozialismus\/dp\/3100004205\/ref=cm_cr_srp_d_rvw_txt?ie=UTF8\"><em><strong>Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus<\/strong><\/em><\/a> hingewiesen. Diese 30 Seiten sollte man am besten vor der Lekt\u00fcre Nahmias lesen. Sie vervollst\u00e4ndigt den erw\u00e4hnten Geschichtsstrang um wichtige Fakten.<br \/><br \/>PT &#8211; August 2010 &#8211; Amazon-Rezension<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchautorin: Nina Nahmia Wenn die Sprache versagt Um diesem wichtigen Buch gerecht zu werden, muss man es zweimal rezensieren, einmal als Sachbuch bzw. Dokument und einmal als Literatur. 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