{"id":7717,"date":"2018-06-26T20:55:32","date_gmt":"2018-06-26T20:55:32","guid":{"rendered":"http:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/?p=7717"},"modified":"2018-06-26T21:36:20","modified_gmt":"2018-06-26T21:36:20","slug":"das-ist-familiengeschichte-peter-ruehmkorfs-geburt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/teuthorn.net\/feuilleton\/?p=7717","title":{"rendered":"Das ist Familiengeschichte &#8211; Des Schriftstellers Peter R\u00dcHMKORFs Geburt"},"content":{"rendered":"<p>Dass Genealoge und Familiengeschichtsforscher keine Synomyme sind und ich im Zweifelsfall immer letzterem zuneige, dazu habe ich mich nun ja schon h\u00e4ufig ge\u00e4u\u00dfert. Was den Reiz dieses Unterschiedes ausmacht, das wurde mir gerade wieder bewusst, als vor wenigen Tagen im Deutschlandfunk <strong><em>&#8218;Die wahre Geschichte von R\u00fchmkorfs Geburt&#8216;<\/em> <\/strong>zu einem journalistischen Text wurde.<\/p>\n<p>Der Genealoge interessiert sich f\u00fcr m\u00f6glichst genaue <strong>Daten von Geburt, Taufe, Heirat Tod und Begr\u00e4bnis<\/strong>. Das ist ihm vor allem anderen wichtig. Dabei gehen in einer Datenbank nicht so einfach abbildbare komplexere Lebensumst\u00e4nde h\u00e4ufig unter. Schade, denn gewisse biografische Materialen sind doch nun einmal einfach wichtige Bausteine f\u00fcr das Lebensbild einer Person!<\/p>\n<p>Hauptperson der folgenden kleinen Geschichte ist der vor einer Dekade verstorbene Schriftsteller und Lyriker Peter R\u00fchmkorf (1929-2008), der seinem Schriftstellerkollegen Peter Sch\u00fctt das Versprechen abgenommen haben soll, erst zehn Jahre nach dessen Tod die Umst\u00e4nde zu enth\u00fcllen, unter denen er geboren wurde. Und die gehen so:<\/p>\n<p>Elisabeth R\u00fchmkorf, eine evangelische norddeutsche Lehrerin, Tochter eines Otterndorfer Pastors, wurde ungewollt von einem Glasbl\u00e4ser schwanger. Dieser hatte Familie und \u00fcberlie\u00df die Verantwortung f\u00fcr die Frucht seines Seitensprungs der k\u00fcnftigen Mutter. Die Begriffe ledige Mutter, Schande, Lehrerinnenz\u00f6libat, protestantisches Ethos, also der gesamte Wertekanon vom Anfang des 20. Jahrhunderts, ziehen in unseren Gedanken schnell vor\u00fcber. Wie kam man damals da heraus?<\/p>\n<p>Elisabeth wandte sich in ihrer Not an den befreundeten ber\u00fchmten Theologen Karl Barth (1886 -1968). Dieser lebte seit 1929 in einer &#8211; wie er es nannte &#8211; Notgemeinschaft unter einem Dach mit Ehefrau Nelly und seiner Sekret\u00e4rin und Geliebten Charlotte von Kirschbaum. Wer, wenn nicht er, konnte geeigneten Rat geben? Nach dem Gespr\u00e4ch mit Barth lie\u00df sich Elisabeth f\u00fcr eineinhalb bis zwei Jahre von ihrer Lehrerinnenstelle beurlauben, nahm im entfernten Dortmund eine Praktikantenstelle in einem Kindergarten an, lie\u00df den am 25. Oktober 1929 geborenen Sohn Peter als Findelkind in das Geburtsregister eintragen und adoptierte wenige Tage sp\u00e4ter ihr eigenes Kind. Karl Barth wurde Pate.<\/p>\n<p>Mich begeistert die Vorstellung, diese Sachverhalte als Pr\u00fcfungsaufgabe zum sogenannten <em>Qualifizierten Genealogen<\/em> zu stellen, mit der Vorgabe, den Vorgang mit einem geeigneten Genealogieprogramm eigener Wahl zu dokumentieren. \ud83d\ude09<\/p>\n<p>\u00dcbigens erfuhr ich bei ein wenig Nachrecherchieren, dass der Sachverhalt so neu nicht war und bereits in einem \u00e4lteren Wikipedia-Artikel nachzulesen ist. In einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 2010 ist der Glasbl\u00e4ser ein herumziehender Puppenspieler. Aber was bedeuten schon solche Details. In der kleinen Geschichte erscheint das sozialgeschichtliche Bild einer Wirklichkeit, wie wir \u00c4lteren sie vielleicht noch erinnern oder wenigstens nachempfinden, wie unsere Kinder und Enkelkinder sie sich aber kaum mehr vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Keine noch so lange Ahnenliste und kein Ortsfamilienbuch k\u00f6nnen das soeben Erz\u00e4hlte abbilden. Daf\u00fcr braucht es <strong>Familiengeschichtsschreibung<\/strong>, und es ist egal, ob diese die Form des Buches, des Aufsatzes oder eines Blog-Eintrags bekommt.<\/p>\n<p>___________________<br \/>\nQUELLEN:<\/p>\n<ul>\n<li>Deutschlandfunk 23.6.2018: Die Wahrheit \u00fcber R\u00fchmkorfs Geburt<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/aus-den-feuilletons-luege-und-wahrheit.1059.de.html?dram:article_id=421147\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/aus-den-feuilletons-luege-und-wahrheit.1059.de.html?dram:article_id=421147<\/a><\/li>\n<li>Wikipedia: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_R%C3%BChmkorf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_R%C3%BChmkorf<\/a> (besucht 25.6.2018)<\/li>\n<li>Franziska Augstein, SZ vom 17. Mai 2010 \/ <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/zum-tod-von-peter-ruehmkorf-im-vollbesitz-seiner-zweifel-1.184477\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/zum-tod-von-peter-ruehmkorf-im-vollbesitz-seiner-zweifel-1.184477<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass Genealoge und Familiengeschichtsforscher keine Synomyme sind und ich im Zweifelsfall immer letzterem zuneige, dazu habe ich mich nun ja schon h\u00e4ufig ge\u00e4u\u00dfert. 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