Das ist Familiengeschichte – Des Schriftstellers Peter RÜHMKORFs Geburt

Dass Genealoge und Familiengeschichtsforscher keine Synomyme sind und ich im Zweifelsfall immer letzterem zuneige, dazu habe ich mich nun ja schon häufig geäußert. Was den Reiz dieses Unterschiedes ausmacht, das wurde mir gerade wieder bewusst, als vor wenigen Tagen im Deutschlandfunk ‚Die wahre Geschichte von Rühmkorfs Geburt‘ zu einem journalistischen Text wurde.

Der Genealoge interessiert sich für möglichst genaue Daten von Geburt, Taufe, Heirat Tod und Begräbnis. Das ist ihm vor allem anderen wichtig. Dabei gehen in einer Datenbank nicht so einfach abbildbare komplexere Lebensumstände häufig unter. Schade, denn gewisse biografische Materialen sind doch nun einmal einfach wichtige Bausteine für das Lebensbild einer Person!

Hauptperson der folgenden kleinen Geschichte ist der vor einer Dekade verstorbene Schriftsteller und Lyriker Peter Rühmkorf (1929-2008), der seinem Schriftstellerkollegen Peter Schütt das Versprechen abgenommen haben soll, erst zehn Jahre nach dessen Tod die Umstände zu enthüllen, unter denen er geboren wurde. Und die gehen so:

Elisabeth Rühmkorf, eine evangelische norddeutsche Lehrerin, Tochter eines Otterndorfer Pastors, wurde ungewollt von einem Glasbläser schwanger. Dieser hatte Familie und überließ die Verantwortung für die Frucht seines Seitensprungs der künftigen Mutter. Die Begriffe ledige Mutter, Schande, Lehrerinnenzölibat, protestantisches Ethos, also der gesamte Wertekanon vom Anfang des 20. Jahrhunderts, ziehen in unseren Gedanken schnell vorüber. Wie kam man damals da heraus?

Elisabeth wandte sich in ihrer Not an den befreundeten berühmten Theologen Karl Barth (1886 -1968). Dieser lebte seit 1929 in einer – wie er es nannte – Notgemeinschaft unter einem Dach mit Ehefrau Nelly und seiner Sekretärin und Geliebten Charlotte von Kirschbaum. Wer, wenn nicht er, konnte geeigneten Rat geben? Nach dem Gespräch mit Barth ließ sich Elisabeth für eineinhalb bis zwei Jahre von ihrer Lehrerinnenstelle beurlauben, nahm im entfernten Dortmund eine Praktikantenstelle in einem Kindergarten an, ließ den am 25. Oktober 1929 geborenen Sohn Peter als Findelkind in das Geburtsregister eintragen und adoptierte wenige Tage später ihr eigenes Kind. Karl Barth wurde Pate.

Mich begeistert die Vorstellung, diese Sachverhalte als Prüfungsaufgabe zum sogenannten Qualifizierten Genealogen zu stellen, mit der Vorgabe, den Vorgang mit einem geeigneten Genealogieprogramm eigener Wahl zu dokumentieren. 😉

Übigens erfuhr ich bei ein wenig Nachrecherchieren, dass der Sachverhalt so neu nicht war und bereits in einem älteren Wikipedia-Artikel nachzulesen ist. In einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 2010 ist der Glasbläser ein herumziehender Puppenspieler. Aber was bedeuten schon solche Details. In der kleinen Geschichte erscheint das sozialgeschichtliche Bild einer Wirklichkeit, wie wir Älteren sie vielleicht noch erinnern oder wenigstens nachempfinden, wie unsere Kinder und Enkelkinder sie sich aber kaum mehr vorstellen können.

Keine noch so lange Ahnenliste und kein Ortsfamilienbuch können das soeben Erzählte abbilden. Dafür braucht es Familiengeschichtsschreibung, und es ist egal, ob diese die Form des Buches, des Aufsatzes oder eines Blog-Eintrags bekommt.

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QUELLEN: