Exorbitante Preise für antiquarische Bücher – Müssen die Händler bescheidener werden?

Wer interessiert sich heute noch für die schon zu Lebzeiten des hessischen Hofrats Georg Friedrich Teuthorns kritisierte

Neuere Geschichte der Hessen, von 1587 bis auf die gegenwärtigen Zeiten Ausführliche Geschichte der Hessen, von ihrem ersten Ursprunge an bis auf gegenwärtige Zeiten. Neunter Band, (Gedruckt bei Johan Ludwig Ickler) Biedenkopf 1778 ?

Seine Kritiker führen an, er habe nicht nach den Quellen gearbeitet, sondern sich auf bisherige Literatur gestützt, und sei darüberhinaus fehlerhaft. “Teuthorn, diese Quelle so vieler Irrtümer”, seufzte ein früher Kritiker. Allerdings muss man fairerweise einräumen, dass sich der quellenkritische Historizismus eines Leopold von Ranke und Gleichgesinnter frühestens ein halbes Jahrhundert später  durchsetzte.  Insgesamt hat der hessische Geschichtsschreiber 12 voluminöse Bände mit seinen ausschweifend unstrukturierten Schilderungen gefüllt, einer so schwer verdaulich wie der andere.

Kein Interesse? Doch, ich weiß jemanden. Es ist der Autor dieser Zeilen.  Zwar findet er die Geschichte der Hessen seines frühen Verwandten einfach ungenießbar, aber aus familiengeschichlichem Interesse würde er trotzdem gerne ein Exemplar für sein Familienarchiv erwerben.  Mit einem Angebot  im ZVAB von 153 € plus 6 € Versand ist das antiquarische Buch – auch wenn Teile des Rückens fehlen – sogar relativ preiswert.  Für einen anderen alten Teuthorn wurden  kürzlich 250 €  verlangt.

Ich wollte und werde das nicht bezahlen.  Denn wenn ein Teuthorn ‘mal einen Teuthorn in der Hand halten will, kann er in eine der großen Bibliotheken,  z.B. in die Bayerische Staatsbibliothek München,  gehen und sich alle 12 Bände auf einmal in den Lesesaal bestellen.  Neuerdings aber kann er das Werk auch als digitales Exemplar online betrachten und darüber hinaus sogar alle knapp 900 Seiten (Seitenzahl eines Bandes!) als PDF-Datei auf seinen PC laden. Will er sich das wirklich antun? Natürlich ja, es geht ja um einen Test im Dienste der Wissenschaft, vor allem aber um  s e i n e  Familie! Und das sieht dann so aus.

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Na,  dann sehen wir uns  das Digitalisat doch mal an.

Nun, ich bin zufrieden, und so komme ich auf die Eingangsfrage zurück.  Müssen die Antiquare ihre meines Erachtens überhöhten Preise im Zeitalter der Digitalisierung überdenken? Ich glaube schon. Nehmen wir doch einmal den konkreten Fall hier. Das Buch ist in öffentlichen Bibliotheken x-mal vorhanden, kann also in den Lesesälen in die Hand genommen werden. Da Urheberrechte längst abgelaufen sind, steht es als Digitalisat zur Verfügung. Sollte ich es aber nicht trotzdem erwerben? Nein, denn in absehbarer Zeit – wenn ich wieder namenlose Materie sein werde – würde es entsorgt, im besten Falle aber wieder an ein Antiquariat gehen und dann wieder auf einen Käufer warten, der bereit ist, aus Sammelleidenschaft einen zu hohen Preis zu zahlen.  Ob sich meine Ansicht durchsetzt? Arme Antiquare!

PS.  Den Anstoß zu diesem Artikel gaben die gerade gewonnenen Einsichten zu Digitalisierung und Langzeitarchivierung  der Bayerischen Staatsbibliothek München.

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