Internetpublikation versus Zeitschriftenaufsatz

Man verfasst einen Artikel und stellt ihn auf seine Website.  Ist er damit für eine spätere Veröffentlichung in einer Genealogischen Zeitschrift verloren?

Neben der modernen Äußerung im Internet gibt es sie weiterhin,  die konservative Publikation in Zeitschriften. Diese wird zur Zeit nicht nur als ehrenvoller, sondern auch als sicherer angesehen, da mit dieser Form der Veröffentlichung auch die Archivierung in Bibliotheken verbunden ist. Allerdings wird hier üblicherweise auf eine Erstpublikation Wert gelegt. Wer also klassisch veröffentlichen möchte, dürfte seinen Text vorher nicht ins Netz gestellt haben. Das ist wiederum – zumindest in der modernen Familienforschung – unrealistisch. Wir betreten hier also derzeit noch eine Grauzone! Warum ist das so?

Nach eigener Erfahrung schreibt der Familienforscher zu einem Thema, das zunächst außer ihm selbst niemanden interessiert. Er stellt Fakten in einen Zusammenhang, schreibt die entstandene Gedankenfolge auf. Am Anfang zur eigenen Gedächtnisentlastung, vielleicht auch in der vagen Hoffnung, jemand in der Familie könne sich wider Erwarten irgendwann doch einmal dafür interessieren. Eine ganz praktische Überlegung führt dann zum Mitteilen seiner Gedanken auf einer eigenen Plattform im Internet[1]. Der Grund ist, dass in dieser vernetzten Kommunikationswelt keine Nische zu klein ist, als dass sich nicht doch ein Gleichgesinnter dorthin verirrte. Trifft dies ein,  kommt man nicht nur ins Gespräch, sondern meistens auch in seiner Forschung ein ganzes Wegstück weiter.

Die von mir vorsichtig so genannte Gedankenfolge kann natürlich auch bereits ein kleiner Aufsatz sein. Man wäre nie auf die Idee gekommen, diesen auf herkömmliche Weise zu publizieren. Warum eigentlich nicht? Weil das Thema dafür zu unbedeutend schien, die Qualität dem eigenen Anspruch noch nicht genügte oder – und das ist wohl der häufigste Grund – weil das Thema noch nicht abgeschlossen schien. Nimmt ein Autor aber die Möglichkeiten des Internets wahr, stellt er also – wie man so sagt – seinen Artikel in’s Internet, so folgt der ersten kleinen Mitteilung wahrscheinlich eine weitere überarbeitete, also vervollständigte Version. Und so weiter.

Da man in der Familienforschung im Grunde aber niemals fertig wird, nimmt – im Gegensatz zu der gerade beschriebenen Methode – der konservativ publizierende Autor seine Forschung und die damit verbundenen Überlegungen dann wohl oft mit ins Grab.

Die Vorteile der Online-Publikation liegen auf der Hand. Aber natürlich auch die Nachteile. Das Internet ist ausgesprochen flüchtig. Das gilt ganz besonders für Äußerungen auf privaten Netzseiten. Es muss ja nicht gleich das völlige Verschwinden der Internetadresse sein. Häufig genügt schon die unbedachte Änderung einer Verlinkung. Auch gehören die familienforschenden Autoren ja meist zu den betagteren Zeitgenossen. Und wer geht schon so realistisch mit dem doch unabänderlichen Lebensende um, dass er Vorsorge trifft, seine Netzschriftstellerei für die sogenannte Nachwelt zu erhalten?

Nun werden Mitglieder des Compgen-Vereins auf das beständigere Gen-Wiki verweisen. Gut so. Es liegt aber an der Konzeption dieses Projektes, dass es kein wirklicher Ersatz für das beschriebene Thema und sein Dilemma ist. Eine Alternative wären nur bleibende (wie lange?) Internetadressen, wie sie z.B. Wissenschaftliche Einrichtungen bieten. Hier finde ich insbesondere das Medium Internetzeitschrift reizvoll. Aber mit dieser Idee haben wir unmerklich das flexible private Veröffentlichen verlassen und haben uns auf den Weg der klassischen Publikation begeben. Denn genealogische Zeitschriften werden dauerhaft in Bibliotheken archiviert.

Wenn man nun die anfangs beschriebenen Vorteile des neuen Mediums nicht missen möchte, sich aber später doch für eine klassische Veröffentlichung entscheidet,  wenn man also für ein Nebeneinander eintritt, muss man folgerichtig über das richtige Benehmen, also einen Schreiber-Knigge[2] nachdenken. Herkömmlicherweise publiziert man ein Thema nur einmal und achtet peinlichst darauf, dass es neu und originär ist, also auch nicht etwa frühere Texte wiederholt. Anders gesagt,  man vermeidet gedruckte Äußerungen im Vorfeld einer geplanten größeren Veröffentlichung.

Ist nun ein Ins-Netz-Stellen eines Textes ein Verstoß gegen solche Regeln? Kann jemand der sich über eine Website und ein Blog äußert, keinen Zeitschriftenaufsatz mehr schreiben?

Das ginge wohl an der Wirklichkeit vorbei. Aber wie sieht eine für alle vertretbare Lösung aus?

Copyright © 2010 Peter Teuthorn


[1] Das kann die eigene Website, ein Blog, ein Gastbeitrag auf der Homepage eines Familienforschers, aber auch ein Beitrag im GenWiki (Verein für Computergenealogie) sein.

[2] Hierzu gehört auch die umgekehrte Situation, in der der Autor eines bereits publizierten Zeitschriftenartikels überlegen könnte, diesen später mit erweiterten Erkenntnissen sozusagen in einer überarbeiteten Fassung als Zweitveröffentlichung nun doch noch ins Internet zu geben.  Wie stehen Zeitschriftredaktion/Verlag/Verein dazu?

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2 Responses to Internetpublikation versus Zeitschriftenaufsatz

  1. Solche tiefgründigen Gedanken habe ich mir noch nie gemacht. Ich beginne aber derzeit einiges von dem, was mir bereits verstorbene Familienmitglieder erzählten, aufzuschreiben, um es vor dem Vergessen zu bewahren. Die Reihenfolge, ob ich erst etwas ins Internet stelle, oder doch lieber eher über Vereine meine Familiengeschichten in Zeitschriften drucken lasse, werde ich wohl gründlicher Überdenken.
    Danke für den Denkanstoß

  2. Peter Skrotzki says:

    …. diesen “Denkanstoß” finde ich sehr wichtig und vor allem sehr diskussionswürdig. [...] Familienforscher Ergebnisse werde ich nur per eMail mit Forschern austauschen, die fertige “Familienchronik” wird in Buchform publiziert und Belegexemplare an die entsprechenden Archive gesendet.