Die Freihandbibliotheken

Bibliotheken können verwunschene Orte sein. Man betritt sie mit der Absicht zu recherchieren, kann dabei auf thematische Abwege geraten und verlässt sie mit mehr als dem Gesuchten, mit Schätzen ungeplanter Erkenntnisse. Für mich waren solche Wunderwelten vor Jahren unter anderen der Osteuropa-Lesesaal der Staatsbibliothek München und die Südosteuropa-Bibliothek, die sich vor der Jahrtausendwende schräg gegenüber dem Haus der Kunst in der Wagmüllerstraße befand. Verwunschene Orte, in denen sich neue Welten auftaten, mich magisch anzogen und oft schwer wieder losließen. An solche Orte erinnerte mich die SZ-Lektüre von Thomas Steinfeld*, der über den Plan der Universität Zürich nachdenkt, Fach- und Seminarbibliotheken zu zentralisieren und gleichzeitig deren bisherige Freihandbibliotheken abzuschaffen.

Weil seine Beobachtung mich so sehr an meine eigenen Erlebnisse erinnern, zitiere ich ihn hier:

Bibliotheken können, auch für Nutzer, die aus professionellen Gründen in ihnen arbeiten, wunderbare Orte sein, im buchstäblichen Sinn. Denn selbstverständlich steht das gesuchte Buch nicht an der Stelle, an der es stehen müsste, zum Beispiel, weil es ein anderer Besucher liest. Aber das Buch daneben ist auch interessant, und im Fach darüber stehen gleich zwei, drei Werke, in die man unbedingt einmal hineinschauen wollte. Wer eine Freihandbibliothek auf diese Weise besucht, der findet nicht nur, sondern er verirrt sich auch: mit der Folge, dass die Zahl der nicht verwertbaren Seiten die der „Treffer“ oft um ein Vielfaches übersteigt. Verloren aber ist die verwendete Zeit für das Streunen in Büchern trotzdem nicht: Die Umwege der Lektüren gehen als unsichtbarer Horizont in die eigene Arbeit ein, das vermeintlich „Überschüssige“ lässt überhaupt erst den Rahmen entstehen, in dem man sich geistig bewegt.

 

Bücher Stöbern ade /Zürich plant eine Revolution der Uni-Bibliotheken.
http://www.sueddeutsche.de/politik/buecher-stoebern-ade-1.3955889