Der Griff in mein Bücherregal (VII)

Die Heiden von Kummerow

Ehm Welk: Die Heiden von Kummerow

Wer bei diesem Buchtitel aufhorcht, gehört zu den Älteren, denen also, die um 1945 herum Kind waren. Aber was hat dieser Titel mit Familiengeschichte zu tun? Sehn wir mal.

Beim Aufräumen meines Bücherregals hielt ich dieses Buch in den Händen. Es stammt aus dem Nachlass meiner Mutter, und ich hatte es nur deshalb an mich genommen, weil ich die Widmung wegen der Handschrift meines Vaters für die Familienchronik bewahren wollte.

Es haben sich mehrere solcher Widmungen erhalten. Ich werde sie für meine Familie einmal gesondert zusammenstellen und um Handschriftproben der Nachkommen ergänzen. 

Wo liegt Kummerow?

Zum ersten Mal war ich den Kummerowern in den ersten Jahren der DDR, noch in meiner Geburtsstadt Greifswald, hinter den Glastüren des dunkel gebeizten elterlichen Bücherschranks begegnet, wo sie neben der ‚Lebensuhr des Gottlieb Grambauer‘ standen. Bald war ich in die Heidenwelt bei den Weiden am Fluss eingetaucht und lauschte wie die Kummerower Jungen dem Kuhhirten Krischan.

Als ich vor einigen Jahren bei einer Reise durch Mecklenburg am Kummerower See vorbeikam, fand ich zu meiner Enttäuschung keine Heidenspuren. Spätere Nachforschungen machten klar, nicht Kummerow, sein Schloss und sein See waren die Bühne für Ehm Welks Erfolgsbuch, sondern sein Heimatort Biesenbrow in der Uckermark. Viele der Einwohner Biesenbrows erscheinen, teils unter anderen Namen, im Roman, den er zur weiteren Anonymisierung nun einfach Kummerow nannte. Wir kennen ähnliche Techniken von anderen Schriftstellern, in unserer Zeit vielleicht am ehesten von Uwe Johnson, dessen Klütz im Nordwesten Mecklenburgs in seinen Jahrestagen zum Ort Jerichow wurde.

Durch Verfremden ist es Uwe Johnson und Ehm Welk möglich, die Menschen und die eigene Familie und Verwandtschaft mit ihren Marotten, Schwächen oder auch liebenswerten Eigenschaften zu porträtieren und so in die literarische Welt zu versetzen, wo sie für spätere Generationen weiterleben.

Erzählhemmnisse in der Familienforschung

Wenn wir doch alle Schriftsteller wären! Dann könnten wir unsere Familiengeschichten auch aus der erst kurz zurückliegenden Zeit erzählen so lange unsere Erinnerungen uns dies noch ermöglichen. Das wäre dann ein Weg, Datenschutzgrundverordnung, Persönlichkeitsrechte, Urheberschutz und manche Hindernisse mehr zu überlisten. Spätere Generationen würden sich dann an das Dechiffrieren der Verfremdungen machen, die uns zu unserer Zeit ein Veröffentlichen ermöglichten. Für die Kummerower Helden kann man so etwas mit der  Genealogie der Biesenbrower versuchen.

Genealogie Biesenbrows

In der Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft für mitteldeutsche Familienforschung erscheint in unverändertem Nachdruck

Lüpnitz, Herbert: Die Ahnen der Heiden von Kummerow, nach genealogischen Forschungenen in den Kirchenbüchern von Biesenbrow im Kreis Angermünde von 1646 bis 1945, Criewen 1972. Bearbeitet und mit einem Register versehen von Walter Arndt.

Fußnoten stellen Bezüge zwischen Ahnenliste und Romanfiguren her.

Ehm Welk, eigentlich Gustav Emil Welk, nennt in seinen Romanen seinen Vater unter Verwendung eines Biesebrower Familiennamens Gottlieb Grambauer.

12/2018


In der Reihe ‘Griff in mein Bücherregal’ auch:
I    Ulrich Wehler
II   van Dülmen
III  Theodor Fontane
IV  Historischer Stadbildatlas Kiel
V   Gustav Freitag
VI  Eric Hobsbawm